Geschichte und Kultur Tunesiens
Tunesien ist ein Land, das zwischen Orient und Okzident oszilliert. Ein Hauch Europa, viel Moderne und natürlich der Charme aus 1001 Nacht und Wüstentraum geben dem Besucher das gewisse Mass an Entfremdung, aber auch an Gewohntem. Die Tunesier legen viel Wert auf Gastfreundschaft und mit einem Lächeln freuen sie sich auf Gäste aus aller Welt.
Tunesien hat eine 3000 Jahre alte Kulturgeschichte. Zahlreiche Zivilisationen von Phöniziern über Römern, Byzantinern, Arabern, Mauren, Italiener oder Spaniern haben im ursprünglichen Land der Berber ihre Spuren hinterlassen, die heute in Monumenten und Museen, aber auch in den Gesichtern der Menschen zu sehen sind. Und auch die moderne Kultur hat ihren festen Platz in Tunesien. Im Sommer finden zahlreiche Festivals im ganzen Land statt und junge Künstler machen das ganze Jahr über Musik, Tanz, Theater und Kunst.
2. Jh. v.Chr.
Phönizier besiedeln Tunesien
814 v.Chr.
Gründung von Karthago
146 v. Chr.
Nach den drei punischen Kriegen wird Karthago von den Römern zerstört
ab 146 v. Chr.
Römische Provinz "Africa", intensive römische Kolonisierung unter Augustus
bis 200 n. Chr.
"Africa" wird zu einer der reichsten Provinzen Roms
439 - 533
Vandalenherrschaft
ab 533
Eingliederung der Region in die Byzantinische Herrschaft
570-632
Mohammed, Prophet Allahs
670
Arabische Unterwerfung der byzantinischen Provinz
671
Oqba Ibn Nafi gründet Kairouan
799-909
Aghlabiden-Dynastie
909-973
Fatimiden-Dynastie, Mahdia wird zur Hauptstadt
bis 8./9. Jh.
Islamisierung des Maghreb
bis 15. Jh.
Muslimische und jüdische Flüchtlinge aus Spanien fördern die Kunst und die Wissenschaft
1535
Spanier erobern Tunis
ab 1574
Türken erobern Tunesien. Tunesien wird unter von Konstantinopel eingesetzten Beys autonome Provinz des Osmanischen Reiches
bis Mitte 19. Jh.
Abhängigkeit von europäischen Kolonialmächten nimmt zu
ab 1881
Tunesien wird französisches Protektorat
ab 1930
Tunesische Unabhängigkeitsbewegung
1934
Neo-Destour Partei Habib Bourguiba
ab 1950
Streit zwischen der Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Verwaltung
1955
Innere Autonomie
20.03.1956
Frankreich erkennt tunesische Unabhängigkeit an. Bourguiba wird Staatspräsident
07.11.1987
Zine al-Abidine Ben Ali wird neuer Staatspräsident
17.07.1995
Tunesien beschliesst Kooperationsabkommen mit der Europäischen Union
2002
Verfassungsreferendum (u.a. zur Wiederwahl des Präsidenten)
2011
] Am 14. Januar 2011 wurde Zine el-Abidine Ben Ali aufgrund öffentlichen Drucks durch massive Proteste, die ab Dezember 2010 aufkamen, gestürzt und ergriff die Flucht nach Saudi-Arabien. Derzeit übernimmt Parlamentspräsident Fouad Mebazaâ die Amtsgeschäfte.
Das Land schrieb grosse Geschichte
Vor– und Frühgeschichte
Wie aufgefundene Steingeräte beweisen, war Nordafrika schon in der Altsteinzeit, also vor mehreren hunderttausend Jahren, von Menschen besiedelt. Die erst uns bekannte Bevölkerung waren die Berber. Es gibt nur Vermutungen darüber, woher sie kamen. Aus Funden, die in der Sahara gemacht wurden schliesst die Wissenschaft, dass die Wüste vor zehn Jahrtausenden noch feucht war, Menschen dort also leben konnten. Eine Theorie geht davon aus, dass die Berber dieses Gebiet bewohnten und erst nach der Austrocknung der Sahara in den nordafrikanischen Raum eindrangen. Da die Berber ihre Sprache nie schrieben, gibt es keine schriftlichen Hinweise auf ihre ursprüngliche Heimat. Man weiss kaum mehr über sie, als dass sie primitive Keramik-, Holz und Ledergegenstände für den täglichen Gebrauch herstellten, aus denen sich schliessen lässt, dass sie ein nomadisches oder halbnomadisches Leben führten.
Punische Zeit
Gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends macht sich das Handelsvolk der Phönizier aus Tyr in Vorderasien auf den Seeweg in Richtung nordafrikanische Küste. Ihre ersten Stützpunkte hatten die Phönizier bereits in Lixus und Gades (Cadiz), die beide unweit der Strasse von Gibraltar errichtet wurden. Es folgte ein weiterer bei Utica am Nordufer des Golfs von Tunis, ein Zwischenlandeplatz auf dem Weg zu den iberischen Gold- und Silberminen im Mündungsgebiet des Guadalquivir. Die eigentliche Zeit der karthagischen Kolonisation begann aber erst mit der Gründung von Karthago (814 v. Chr.), die der legendären Prinzessin Didi (Elissa) zugeschrieben wird. Die vermutliche Massenauswanderung der Phönizier aus Tyr wird von einigen Historikern mit einem dynastiischen Streit zwischen König Pygmalion und seiner Schwester Dido in Zusammenhang gebracht. Andere Vermutungen gehen davon aus, dass der Sieg der Assyrer über die Tyrer (876 v. Chr.) den Anlass gegeben haben könnte. In den ersten Jahrhunderten ihrer Geschichte waren die Karthager ausschliesslich mit Seehandel befasst. Eine wichtige Nahrungsgrundlage waren die Getreidelieferungen aus Sizilien. Zu den Berbern hatten die Karthager wenig Beziehungen. Das änderte sich, nachdem sie eine Schlacht gegen die sizilianischen Griechen verloren hatten. Anschliessend begannen sie, zunächst die in der Umgebung von Karthago lebenden Berber von Grund und Boden zu vertreiben. Im fünften vorchristlichen Jahrhundert hatten die Punier ein Reich errichtet, das etwa von Tabarka bis Sfax reichte. Der Getreideanbau im Inneren Tunesiens blieb zwar den Berbern überlassen, aber deren Stammesbrüder entlang des Mittelmeeres wurden enteignet. Fortan bestellten die Punier das Land vom Küstenteil bis zum Cap Bon. Die intensive Agrarnutzung dieses Gebiets, dazu die Ausbeutung der Kupfer- und Silberminen Sardiniens, gaben der punischen Wirtschaft grossen Auftrieb. Eine seetüchtige Flotte entstand und eine Armee berberischer Söldner wurde aufgestellt. Als unzählige dieser Söldner von den Puniern als Sklaven nach Syrakus verkauft wurden, brach unter den Berbern des besetzten Landes eine Revolte nach der anderen aus, die nach Aussagen des Geschichtsschreibers Diodoros von Sizilien die Existenz Karthagos bedrohten. Gegen Ende des vierten Jahrhunderts v. Chr. entstand eine neue Macht im westlichen Mittelmeer: Rom.
1. Punischer Krieg
Die Römer hatten im Jahre 272 v. Chr. die Herrschaft über ganz Italien errungen. Da sie fürchteten, dass die Punier, die auf Sizilien wieder an Macht gewonnen hatten, ihr Augenmerk auf den Nordostteil der Insel richten könnten, erklärten sie Ihnen den Krieg, der von 264 bis 241 v. Chr. dauern sollte. Nach 23 Jahren Kampf, der mit wechselndem Erfolg teils zur See, teils zu Lande geführt wurde, trugen die Punier schliesslich den Sieg davon, allerdings unter Verlust der Inseln Sizilien, Sardinien und Korsika. Als Ersatz für diesen Gebietsverlust bemächtigten sich die Karthager der Silberbergwerke in Südostspanien, die es ihnen ermöglichten, ihre ruinierten Staatsfinanzen wieder aufzubessern. Sie gründeten Alicante und Barcelona, wenige Jahre später Cartagena (Carthago Nova), das sich zu einer blühenden Handelsstadt entwickeln sollte. Damit aber war für die Römer neuer Konfliktstoff gegeben.
2. Punischer Krieg
Die nächste Auseinandersetzung dauerte von 218 bis 201 v. Chr. Roms Kriegsplan, Spanien und Karthago anzugreifen, wurde durch den überraschenden Kriegszug des karthagischen Feldherrn Hannibal vereitelt: Mit 50 000 Mann, 9000 Reitern und 37 Kriegselefanten marschierte er über die Pyrenäen und die Alpen. Bis vor die Tore Roms war der Sieg stets auf seiner Seite. Dann aber führten Roms Gegenschläge zur Eroberung der karthagischen Kolonie in Spanien und zur Landung der Römer in Nordafrika.Hannibal war damit zur Rückkehr gezwungen. Den Römern war es inzwischen ohne Schwierigkeiten gelungen, mit dem ostnumidischen Berberfürsten Massinissa eine Allianz zu schliessen, mit dessen Hilfe sie die Punier zur Kapitulation zwingen konnten. Diese mussten ihre Kriegselefanten und ihre Flotte an die Sieger abliefern, jeder weitere Kriegszug wurde ihnen untersagt. 50 Jahre musste Karthago Tribut zahlen.
3. Punischer Krieg
Der Berberfürst Massinissa, der sein Reich auf Kosten der Punier hatte vergrössern können, ausserdem einem berberischen Rivalen Westnumidien (mit dem Medjerda-Tal) abgenommen hatte, wurde von Rom immer wieder gegen Karthago aufgehetzt. Als sich die Punier schliesslich gezwungen sahen, in einen von Rom nicht genehmigten Krieg gegen Massinissa zu ziehen, hatten die Römer Anlass zum dritten punischen Krieg (149 - 146 v. Chr.). Während dieser dreijährigen Belagerung leistete Karthago heldenhaft Widerstand. Doch schliesslich wurde die Stadt von den Römern vollkommen niedergebrannt und die Überlebenden wurden in die Sklaverei verschleppt.
Herrschaft Roms
Sie dauerte vom 2.Jhdt. v. Chr. bis zum 5.Jhdt. n. Chr. Die Römer übernahmen karthagisches Gebiet und machten es zur römischen Provinz Africa, deren wichtigste Funktion es war, die Meerenge von Sizilien zu schützen. Im Verlauf des 2.Jhdt. versuchten die Römer daher keine weitere territoriale Ausdehnung auf nordafrikanischem Boden, auch nicht nach dem römischen Sieg über Massinissas Nachfolger Jughurta. Erst ein Jahrhundert später fügte Cäsar dem römischen Reich zwei weitere Provinzen hinzu, den Ostteil Numidiens und Tripolitanien. Der Schwerpunkt römischer Afrika-Politik lag nunmehr auf der Landwirtschaft, die unter römischen Siedlern einen schnellen Aufschwung nahm. Gleichzeitig wurde Karthago prunkvoller denn je wieder aufgebaut. Es wurde eine Romanisierung grossen Stils betrieben, die allerdings auf die Städte beschränkt blieb. Der Reichtum basierte jetzt nicht mehr wie zur punischen Zeit auf dem Seehandel, sondern auf der Landwirtschaft. Der Weizenanbau brachte so hervorragende Ernten ein, dass auch Rom mit Getreide versorgt werden konnte. Daneben wurde der Reben- und Olivenbaumanbau entwickelt. Bauholz und Holz für die Thermenbeheizung wurde ebenso nach Rom verschifft wie Löwen, Panther und Bären aus den Wildtiergehegen für die Gladiatorenkämpfe. Zu der materiellen kam die kulturelle Blüte. Aber die Städte waren zu zahlreich aus dem Boden geschossen und verschlangen mit ihrem Aufwand und ihrer Pracht Unsummen, die von einem Agrarland allmählich nicht mehr aufgebracht werden konnten. Ein weiteres Problem stellten die verarmten einheimischen Bauern dar, die der Landenteignung sowie der militärischen Überlegenheit der Römer nichts entgegenzusetzen hatten. Pausenlose Revolten waren die Folge. Hier und da schlossen sie Allianzen mit mächtigen Gegnern der römischen Machthaber und spielten diese dann geschickt gegeneinander aus. Im 4.Jhdt., als die mehr und mehr zu Tage tretenden Verfallserscheinungen Roms nicht mehr zu übersehen waren, begannen die Berber auch auf religiösem Wege Unruhe zu stiften. Sie schlossen sich den christlichen, schismatischen, strengere Kirchenzucht fordernden Donatisten an, die von der offiziellen katholischen Kirche fanatisch bekämpft wurden. Je mehr diese Sekte verfolgt wurde, desto mehr Anhänger fand sie unter den Berbern. Doch handelte es sich hierbei weniger um einen religiösen als um einen politischen Kampf, denn die Romanisierung ebenso wie die Christianisierung der Berber beschränkte sich mehr oder weniger auf die Stadtbevölkerung, die sich dadurch sozialen Aufstieg erhoffte.
Vandalen und Byzantiner
Im Jahre 439 eroberten die germanischen Wandalen, die 400 Jahre zuvor aus Skandinavien aufgebrochen waren, unter Geiserich die römische Provinz Africa. Im Jahre 455 zogen sie plündernd nach Rom, aus dem sie unermessliche Schätze nach Karthago schleppten. Sardinien, Korsika, Malta und die Balearen kamen unter die Herrschaft der Wandalen. Sie waren Christen, aber sie bekannten sich zum Arianismus, nach dessen Lehre Jesus nicht als Sohn Gottes, sondern als Geschöpf Gottes verehrt wurde. Diese unterschiedliche Auffassung machte die Wandalen zu erbitterten Feinden der orthodoxen römisch-katholischen Kirche in Karthago. Nach dem Tode Geiserichs (477) bekämpften seine Nachfolger die Katholiken mit Feuer und Schwert. Diese Auseinandersetzung nutzten die Berberstämme für pausenlose Angriffe, denen die Wandalen bald nicht mehr gewachsen waren. Der materielle und moralische Verfall des Wandalenreiches war nicht mehr aufzuhalten. Im Jahre 534 wurden die Wandalen von Kaiser Justinians byzantinischer Armee mühelos besiegt. Justinian hatte davon geträumt, das römische Reich im Westen neu zu errichten. Nach der Eroberung des Wandalenreiches war er aber nur noch damit beschäftigt, die neue Provinz gegen die Berber zu verteidigen, die ihn von allen Seiten immer wieder von neuem bedrohten. Trotz des in aller Eile über das ganze Land gezogenen Festungsgürtels gelang es den Byzantinern ebenso wenig wie vor ihnen den Römern und Wandalen, die Berber und ihr Joch zu bezwingen.
Bis zum heutigen Tag haben die Berber ihre traditionelle Lebensweise beibehalten, ohne den Fortschritt abzulehnen - eine bemerkenswerte Tatsache. Die Steuerlast wurde drückender denn je, der Bodenwucher stieg ins Unermessliche und der Beamtenapparat war ebenso korrupt wie die Truppe. In der zweiten Hälfte des 7.Jhdt. setzten die Araber der Herrschaft der Byzantiner ein Ende. Im Jahre 647 fielen die ersten arabischen Invasoren in Afrika, das nunmehr Ifrikija genannt wurde, ein. Zunächst schien es sich eher um Erkundigungsfeldzüge gehandelt zu haben, denn erst nach dem dritten Feldzug. (670) begannen die Araber, eine Grundlage für ihre ständige Herrschaft in Nordafrika zu legen. Die vollständige Unterwerfung der Provinz fand erst zu Beginn des achten Jahrhunderts statt. Die Berber wurden relativ schnell islamisiert und arabisiert. Im Laufe der Zeit nahm aber das Gefühl der Benachteiligung gegenüber den Arabern so zu, dass die gleichsam aus Protest den sunnitischen Islam verliessen, um sich den Kharedschiten anzuschliessen. Diese Glaubensspaltung führte zu schweren Aufständen und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den sunnitischen Arabern und den kharedschitischen Berbern.
Arabische Eroberung
Im Jahre 800 gelang es dem arabischen Stadthalter Ibrahim Ibn-el Aghlab die Versöhnung mit den Berbern herbeizuführen, wofür ihm vom Kalifat in Bagdad der Emir-Titel verliehen wurde. Kairouan als erste rein arabische Stadt des Maghreb entwickelte sich unter seiner Herrschaft zu einem Zentrum der Religions- und Literaturwissenschaften, deren Lehrkräfte in Bagdad oder Medina ihre Ausbildung erhalten hatten. In dieser Zeit fand der malekitische Ritus Zulauf, den der Richter Malik Ibn Abas aus Medina gelehrt hatte. Im Jahre 827 begann der Emir Sidajar Allah I. die Eroberung Siziliens, die erst nach 50 Jahren erfolgreich beendet war. Damit war die Herrschaft des Islam über das westliche Mittelmeer ausgedehnt. Weitreichende Handelsbeziehungen waren die Folge, die den Küstenstädten Ifrikijas Wohlstand und kulturelle Blüte brachten. Doch führten die letzten Emire des Aghlabiden in Tunis, wohin sie ihre Hauptstadt - weit genug vom strengen orthodoxen Islam der Stadt Kairouan - verlegt hatten, ein prunkvolles und oft ausschweifendes Leben. Der Widerstand im Volk wuchs im gleichen Masse wie die unerträgliche Steuerlast. Verfallserscheinungen zehrten an der Macht der Aghlabiden.
Aghlabiden
Im Jahre 909 wurden die Aghlabiden von den Fatimiden, die sich zum Schiismus bekannten, abgelöst. Der neue Herrscher, Emir Obeid Allah el Mahdi, verlegte die Hauptstadt nach Mahdia, das neu aufgebaut wurde. Unter ihm und seinen drei Nachfolgern erlebte Ifrikija zwar eine Zeit des Wohlstands, aber die Emire interessierten sich weniger für den Maghreb als für Ägypten. Ausserdem blieb der Schiismus des Fatimiderhofs den Berbern fremd. Für die geplante Eroberung Ägyptens bedurfte es beträchtlicher Gelder, so dass der Bevölkerung Steuerlasten aufgelegt wurden, die zu Aufständen führten. Vom sunnitischen Kairouan geschürt und von den Wehrmönchen der Ribats unterstützt kam es immer wieder zu Berberaufständen, die nur mit Schwierigkeiten erstickt werden konnten.
Fatimiden und Ziriden
Nach den beiden misslungenen Feldzügen an den Nil (913 - 914 und 920 - 921) brachte der dritte Erfolg: Ägypten wurde 969 erobert. Kaum 50 Jahre später errichteten die Fatimiden ihr eigenes, von Bagdad unabhängiges Kalifat in Kairo. Ifrikija sank zu einer Vasallenprovinz herab, die im Auftrag der Fatimiden von den berberisch-kharedschitischen Ziriden solange verwaltet wurde, bis diese ihre eigene Dynastie ausriefen, die der Ziriden (1048). Die Fatimiden verziehen diesen Bruch den Ziriden um so weniger, als die Ziriden zur Sunna übertraten (die Fatimiden aber waren Schiiten) und damit die endgültige Arabisierung Ifrikijas einleiteten. Aus Rache bestach der Fatimiden-Kalif die berüchtigten Nomadenhorden der Beni Helal, in das Ziridenreich einzufallen (1057), das sie so vollständig verwüsteten, dass für die nächsten 100 Jahre anarchistische Zustände herrschten.
Almohaden
Die marokkanische Almohaden regierten ein Riesenreich, das ganz Nordafrika bis Tripolitanien und Südspanien umfasste. Zum ersten und zum letzten Mal in der Geschichte war es gelungen, alle Berber unter einem Zepter zu vereinen (1159 - 1230 ). Das Reich war viel zu gross, um von einer Zentralmacht regiert zu werden. Deshalb entsandten die Almohaden Statthalter in die entlegenen Provinzen. Die ersten in Ifrikija eingesetzten Statthalter zeigten sich indes unfähig, die chaotischen Zustände in der Provinz abzustellen und Angriffe von Aussen abzuwehren.
Hafsiden
Erst ein energischer Statthalter aus der marokkanischen Familie der Abu Hafs konnte die Ruhe in der Provinz Ifrikija wieder herstellen. Sein Sohn, Abu Zakaria, schüttelte die Zentralmacht ab, nahm den Emir-Titel an und verkündete die Dynastie der Hafsiden (1230). Unter den Hafsiden öffnete sich das Land den Mittelmeerstaaten, woraus sich ein reger Handelsaustausch ergab. Abgesehen von einem Kreuzfahrerangriff, der 1270 abgeschlagen werden konnte, herrschte fünfzig Jahre hindurch Frieden. Maurische Künstler und Kunsthandwerker, von Spaniens Christen nach Nordafrika vertrieben, verliehen der Hafsiden-Zeit eine besondere kulturelle Prägung. Aber auch andalusische, gut ausgebildete Beamte bestätigten sich zum Wohle des Landes in der Verwaltung, und maurische Landwirte holten aus dem vernachlässigten Boden wieder gute Ernteerträge heraus. In dieser Zeit wurde Tunis, das später dem Land seinen Namen geben sollte, endgültig Hauptstadt. Rivalitäten zwischen den grossen Familien, Streit zwischen den Dynastien und Angriffe von aussen führten zum allmählichen Abstieg der Hafsiden. Im späten 14. und frühen 15. Jhdt. gelang es zwei Hafsidenfürsten noch einmal für kurze Zeit ihre Macht zu stabilisieren. Dann aber brachen von neuem Machtkämpfe um die Nachfolge aus.
Türken und Husseiniten
Im Mittelmeerraum war schon seit langem nicht mehr der Handel die wesentliche Quelle des Reichtums, sondern die organisierte Seeräuberei. In fast allen Hafenstädten brachte die Ausrüstung und Bereitstellung von Kaperschiffen zusammen mit dem Sklavenhandel die meisten Gewinne. Als 1534 der levantinische Pirat Kheir ed-Din Barbarossa für den türkischen Sultan neben anderen Städten auch Bizerte und Tunis erobert hatte, zeigt sich Spanien alarmiert und begann um seine Vorherrschaft im Mittelmeer zu fürchten. Ifrikija wurde zum Zankapfel zwischen Türken und Spaniern. Der spanische Gegenschlag erfolgte 1535, als Karl V Tunis eroberte und den nach Sizilien geflohenen Hafsiden Mulay Hassan nunmehr unter spanischer Oberhoheit als Regenten einsetzte. Schon drei Jahre später erschien der griechische Pirat Dragut, der Gafsa, Kairouan und Djerba für den türkischen Sultan in Besitz nahm. Spanier und Malteser-Ritter starteten 1560 einen Gegenangriff, der in den Gewässern um Djerba kläglich scheiterte. Im Jahre 1574 war das spanische Protektorat endgültig beendet und für dreihundert Jahre wurde Tunesien zu einer Provinz des Osmanenreiches. Einem korsischen Renegaten, Bey Mourad, gelang es, den türkischen Pascha auszuschalten. Er liess sich selbst zum Pascha mit dem Recht der Nachfolge ausrufen (1612 - 1631). Sein Geschlecht herrschte praktisch uneingeschränkt, wenn die türkische Oberhoheit auch bestehen blieb. Nach einem Aufstand der Armee gegen Mourad übernahm Hussein Ben Ali die Macht. Er verkündete die Erbmonarchie der Husseiniten, die bis 1957 auf dem Thron bleiben. Die türkische Oberhoheit blieb bis 1921 bestehen. Den Husseiniten gelang es wieder, die zerrüttete Wirtschaft das Landes zu sanieren, noch fremde Konspirationen auszuschalten. Der Einfluss der Türkei ging zwar im 19. Jhdt. zurück, dafür war aber die wirtschaftliche Präsenz der Franzosen, die bereits Algerien besetzt hatten, ständig im Wachsen. Tunesien trieb einem Staatsbankrott entgegen, der den Franzosen nicht ungelegen kam.
Freiheitskampf
In der Mitte des 19.Jhdt. lebte der zuständige Bey Ahmed etwas zu aufwendig und es blieb nichts anderes übrig, als französische Einflüsse zu akzeptieren. Diese wurden 1881 so stark, dass die Franzosen unter einem Vorwand von Algerien aus kurzerhand in Tunesien einmarschierten. Der Bey musste sich vertraglich einverstanden erklären, dass Tunesien französisches Protektorat wurde. Wir sind nun schon fast in der Gegenwart: Am 03.August 1903 wurde in Monastir Habib Bourguiba geboren. Er studierte in Frankreich, liess sich 1927 in Tunis als Anwalt nieder und gründete 1934 die Neo-Destur-Partei mit dem Ziel, Tunesien zu einem unabhängigen Staat zu machen. Nach einem gescheiterten Umsturzversuch wurden Bourguiba und einige seiner Freunde 1938 verhaftet und nach Frankreich gebracht, wo sie bis 1942 in Haft blieben. Inzwischen hatte der zweite Weltkrieg begonnen. Die Franzosen bauten in Tunesien die sog. Marethlinie aus, weil sie mit einem Angriff der Italiener rechneten. Im November 1942 landeten die Alliierten in Algerien und Marokko, worauf Tunesien von deutschen Truppen im Osten und von Alliierten im Westen besetzt wurde. Am 12. Februar besetzte das Afrika-Corps die Marethlinie, musste sie aber sechs Wochen später wieder räumen. Der Rückzug ging weiter. Am 12.Mai kapitulierten die Soldaten. Habib Bourguiba, der nach Kriegsende erneut für die Unabhängigkeit Tunesiens kämpfte, wurde 1950 zum zweiten Mal verhaftet und über Tabarka und die Sahara nach Frankreich gebracht. Zuerst sagte der Ministerpräsident Mendes-France dem Land die sog. innere Autonomie zu. Aber mit der Rückkehr Bourguibas nach Tunis waren die Würfel gefallen. Es gelang ihm schliesslich, auf dem Verhandlungsweg mit Frankreich Tunesiens Unabhängigkeit zu erringen. Am 20. März 1956 wurde Habib Bourguiba erster Ministerpräsident und noch im gleichen Jahr wurde Tunesien Mitglied der Vereinten Nationen. Am 25. Juli 1957 wurde Tunesien Republik und Habib Bourguiba Staatspräsident. 1961 versuchte Tunesien mit Gewalt die Freigabe von Bizerte zu erreichen, das bis dahin noch französische Marinebasis war. Aber gegen Frankreich war die tunesische Armee unterlegen. Erst auf politischem Weg gelang es im Oktober 1963, den Abzug der Franzosen zu erreichen. Die Freiheit und Unabhängigkeit Tunesiens war geboren.
Gegenwart
Der ehemalige Präsident Habib Bourguiba hat Tunesien über 30 Jahre lang verwaltet und gelenkt, gute Handelsbeziehungen und freundschaftliche Verbindungen zum Ausland gepflegt. Am 7. November 1987 wurde der Präsident von seinem damaligen amtierenden Premierminister gemäss eines Artikels der tunesischen Verfassung abgesetzt. Zine el Abidine Ben Ali regiert seit diesem Tag als Präsident die Republik Tunesien.
Der Islam und seine Bedeutung
Islam bedeutet „Ergebung“ (in den Willen Gottes). Seine Anhänger sind Moslems. Mohammed ist nur der Stifter der Religion. Er ist Allahs (Gottes) Prophet. Moslems bekennen sich zu Allah, dem einen Gott, der weder von anderen Göttern abstammt noch einen Sohn hat. Der Islam wurde zwischen 610 und 632 n. Chr. auf der Basis der jüdischen und christlichen Religion von Mohammed, dem Propheten, gegründet. Wie die Bibel im Christentum ist die wichtigste Glaubensquelle der Moslems der Koran, den Allah seinem Propheten eingab, der ihn dann niederschrieb. Dieses Heilige Buch besteht aus 115 Kapiteln (Suren) und enthält neben göttlichen Verboten umfangreiche Gebote für eine sittliche Lebensführung.
Der Islam ist die offizielle Religion in Tunesien. Der sunnitisch-malikitische Kult ist am weitesten verbreitet, obwohl es ebenfalls eine geringe Zahl von Hanefiten sowie eine kleinere Gruppe von Kharijiten in Djerba gibt. Der Koran ist das Wort Gottes „des einzigen und ewigen Gottes, der nicht gezeugt hat und gezeugt worden ist. Es gibt seinesgleichen nicht“.
Die 5 Säulen des Islam
Die fünf Säulen sind die Grundlagen des Leben als Muslim: Glaube an die Einzigkeit Gottes und das abschliessende Prophetentum Muhammads; Verrichten des täglichen Gebets; Sorge für die Bedürftigen und Zuwendungen an sie geben; Selbstreinigung durch Fasten; und die wallfahrt nach Mekka für diejenigen, die dazu körperlich und finanziell imstande sind.
Schahadah oder Glaubensbekenntnis
„Nichts ist der Anbetung würdig ausser Gott, und Muhammad ist Gottes Gesandter.“ Diese Glaubensbekundung nennt man die Schahadah, einen einfachen Satz, den alle Gläubigen aussprechen. Die Bedeutung dieser Bekundung ist der Glaube, dass der der einzige Zweck des Lebens darin besteht, Gott zu dienen und gehorsam zu sein, und dies wird erlangt durch die Befolgung der Lehren und Verhaltensweisen des letzten Propheten Muhammmad. Salah oder Gebet Salah ist die Bezeichnung für das Gebet, das zu fünf Tageszeiten verrichtet wird und eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Betenden und Gott bedeutet. Zu diesen fünf rituellen Gebeten gehören Verse aus dem Koran, und sie werden in arabischer Sprache, der Sprache der Offenbarung, gesprochen. Persönliche Gebete können indes in der jeweiligen eigenen Sprache und zu jeder beliebigen Zeit erfolgen.
Zakah oder Spenden geben
Ein wichtiger Grundsatz des Islam ist, dass alles Gott gehört, und dass folglich Reichtum dem Menschen nur anvertraut ist. Das Wort Zakah bedeutet sowohl „Reinigung“ als auch „Wachstum“. Einen Anteil für die Bedürftigen beiseite zu legen reinigt unser Vermögen, und wie beim Zurückschneiden der Pflanzen führt es zu Ausgewogenheit und neuem Wachstum.
Saum oder Fasten
Jedes Jahr im Monat Ramadan fasten alle Muslime, die dazu imstande sind, von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang - durch Enthaltsamkeit vom Essen, Trinken und der geschlechtlichen Beziehung zu dem Ehepartner. Wenn auch das Fasten gesundheitlich gut tut, ist es doch hauptsächlich ein Weg der Selbstreinigung und der Selbstbeherrschung. Während der Fastende sich, auch wenn es nur kurzzeitig ist, von den weltlichen Genüssen trennt, richtet er sich auf seinen eigentlichen Lebenszweck hin aus, indem er sich andauernd der Gegenwart Gottes bewusst ist.
Hadsch oder Wallfahrt
Die Wallfahrt nach Mekka, Hadsch, ist nur für diejenigen Pflicht, die dazu körperlich und finanziell imstande sind. Trotzdem kommen jedes Jahr mehr als zwei Millionen Menschen von allen Teilen der Erde nach Mekka, was den Angehörigen der unterschiedlichsten Nationen eine einmalige Möglichkeit der Begegnung bietet. Der alljährliche Hadsch beginnt im zwölften Monat des islamischen Mondjahres. Die Wallfahrer tragen besondere Kleidung: einfache Gewänder, die alle Unterschiede der Klasse und Kultur aufheben, so dass alle gleich vor Gott dastehen. Zu den Riten der Hadsch, die auf Abraham zurückgehen, gehört das siebenmalige Umschreiten der Kaaba und der siebenmalige Gang zwischen den Hügeln Safa und Marwa, wie es Hagar (Abrahams Frau) bei ihrer Suche nach Wasser tat. Später stehen die Wallfahrer miteinander in der weiten Ebene von Arafat (eine grosse Wüstengegend ausserhalb von Mekka) und beteiligen sich am Gebet um Gottes Vergebung, was oftmals als eine Vorrausschau auf den Tag der Auferstehung betrachtet wird. Den Abschluss der Hadsch bildet ein Fest, der Tag des „Idu-l-adha“, das überall in muslimischen Gemeinden mit Gebet und Austausch von Geschenken begangen wird. Dieser Tag und „Idu-l-fitr“, der Festtag am Ende des Ramadan, sind die beiden Feiertage des islamischen Kalenders
Islamische Feiertage
Die religiösen Feiertage richten sich nach dem islamischen Jahr, dem Hejri. Dieses wird ebenfalls in zwölf Monate unterteilt; allerdings richten sie sich nicht wie bei dem Gregorianischen Kalender nach dem Sonnenlauf, sondern nach den Mondphasen und sind nur 29 Tage lang. Das Jahr ist dadruch etwa 10-12 Tage kürzer. So finden die religiösen Feste jedes Jahr rund 10-12 Tage früher statt als im Vorjahr.
El Mouled Geburtstag des Propheten Mohammed
Ras el Aam Hejri Islamisches Neujahrsfest
Aid es-Seghir (Aid el Fitr) „kleines Hammelfest“ am Tag nach dem Ende des Ramadan
Aid el-Kebir „Grosses Hammelfest“, grösstes islamisches Fest auf dem Höhepunkt der Pigerfahrten nach Mekka. Jede Familie schlachtet dabei in Erinnerung an Abrahams Opfer einen Hammel, von dem Anteile an die Armen verteilt werden.
Ramadan Der Ramadan ist der 9. Monat des islamischen Kalenderjahres und ein Fastenmonat. Gefastet wird nur tagsüber. Sobald der Ruf des Muezzins bei Sonnenuntergang ertönt, darf wieder gegessen und getrunken werden
Tunesiens Weltkulturerbe
Tunesien zählt acht historische Stätten, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören:
* Das Kolosseum von El Jem (1979)
* Die Ruinen von Karthago (1979)
* Die Medina von Tunis (1979)
* Der Nationalpark Ichkeul (1980)
* Die punische Stadt Kerkouan und ihre Totenstadt (1985)
* Die Medina von Sousse (1988)
* Die Medina von Kairouan (1988)
* Die Ruinen der antiken Stadt Dougga (Thugga) (1997)
Amphitheater von El Djem
Das römische Amphitheater von El Djem in Mitteltunesien wurde um 230 n. Chr. erbaut und ist ein steinerner Zeuge des Wohlstands, über den eines der wichtigsten Olivenanbauzentren Nordafrikas einstmals verfügte.
Die alte punische Siedlung gewann erst zur Zeit Julius Cäsars an Bedeutung, der hier 46 v.Chr. die an einer wichtigen Verkehrsstrasse und inmitten eines ausgedehnten Olivenanbaugebiets gelegene Stadt Thysdrus gründete. Von hier aus wurde ein grosser Teil von Roms Bedarf an Olivenöl gedeckt. Noch vor der Fertigstellung des Amphitheaters begann der Niedergang, da die Stadt in einen Aufstand der Grossgrundbesitzer gegen die Einführung einer Olivenölsteuer verwickelt war.
Die Arena wurde nach Abzug der Römer zur Festung umgebaut und diente im 7. Jahrhundert der Berberführerin Damia Kahina als Schlupfwinkel in ihrem Kampf gegen die arabischen Eroberer. Das Amphitheater, eines der grössten des Römischen Reiches, dessen ovaler Baukörper 148 mal 122 Meter misst und das eine Höhe von gut 40 Metern hatte, konnte über 30000 Zuschauer aufnehmen, die hier sportlichen Wettkämpfen, blutigen Gladiatorenspektakeln oder Tierhetzen beiwohnten. Schauspiele wurden in dem benachbarten, noch nicht ausgegrabenen Theater aufgeführt.
Ruinen von Karthago
Auf einer Halbinsel an der Bucht von Tunis liegt die einst wohl berühmteste Stadt Nordafrikas: die Phöniziergründung Kart-Hadascht alias Karthago. Von der einst mächtigen Handelsstadt sind heute nur noch spärliche Überreste erhalten.
Archäologischen Funden nach zu schliessen wurde Karthago um das 8. Jahrhundert v.Chr. von phönizischen Siedlern gegründet. Eine über 40 Kilometer lange Wehrmauer schützte die Stadt der Punier, die unter den Magoniden (Hamilkar, Hasdrubal, Hannibal) zur dominierenden Handelsmacht im Mittelmeer wurde. Nach dem Sieg der Römer im Jahr 146 v. Chr. wurde Karthago im Dritten Punischen Krieg in Schutt und Asche gelegt.
Die Römer überbauten die Ruinen, und Karthago erlebte als Hauptstadt der Provinz Africa eine Renaissance. Nach der byzantinischen Epoche zerstörten die Araber die einstige Weltstadt. Ausgrabungen der punischen Stadt befinden sich auf dem Byrsa-Burghügel, den heute die Kathedrale St.-Louis krönt, ebenso beim Tophet, dem heiligen Bezirk, wo der phönizischen Göttin Tanit einst Menschenopfer dargebracht wurden, und beim Hafen. Aus römischer Zeit stammt die Ruinenanlage der Antonius-Pius-Thermen. Weitere Sehenswürdigkeiten sind Villen mit Mosaiken, mit denen die punische Nekropole überbaut wurde, ein Theater und ein Amphitheater sowie ein Circus und Zisternen.
Medina von Tunis
Rund 700 Baumonumente in der Medina von Tunis, der grössten erhaltenen Altstadt in Nordafrika, zeugen von der Blütezeit der Mittelmeermetropole vor allem zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert.
Das von den Numidern besiedelte antike Tunes, eine der ältesten Städte im Mittelmeerraum, die über einen natürlichen Hafen verfügten, entwickelte sich erst im 7. Jahrhundert nach der Eroberung durch die Araber in rasanter Weise. In der Blütezeit unter den Hafsiden-Herrschern lebten hier über 100000 Menschen. Im 16. Jahrhundert eroberten die Osmanen die von ausländischen Mächten begehrte Metropole. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts brachten rund 80000 spanische Mauren neuen wirtschaftlichen Auf- schwung. 1881 mussten die türkischen Husseiniten schliesslich der Kolonialmacht Frankreich weichen.
Das bedeutendste Bauwerk der Medina von Tunis ist die Ölbaummoschee (Es-Zitouna) aus dem 8. Jahrhundert, deren 184 Säulen aus Monumenten des antiken Karthago stammen. In einem der vielen Souks wurde im 17. Jahrhundert von den Türken die Sidi-Yussuf-Moschee erbaut, die mit ihrem achteckigen, grün gekachelten Minarett wegweisend für spätere türkische Moscheen war. Weitere bauliche Wegmarken sind das monumentale Hafentor Bab el-Bhar und Tourbet el-Bey, das prächtige Mausoleum der Husseiniten aus dem 18. Jahrhundert.
Ruinen von Dougga/Thugga in Tunesien
Auf dem 70 Hektar grossen Areal der Ausgrabungsstätte von Dougga rund 100 Kilometer südwestlich von Tunis befinden sich die Ruinen einer römischen Siedlung. Auch aus vorrömischer Zeit sind eindrucksvolle Monumente erhalten.
In antiken Quellen wird Thugga (heutiger Name: Dougga) erstmalig erwähnt im Zusammenhang mit einer Expedition des Agathokles gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Errichtet auf einer Anhöhe inmitten fruchtbarer Landschaften, war die Siedlung vor ihrer Zugehörigkeit zum römischen Imperium bedeutender Stützpunkt des Punischen Reiches. Unter den vorrömischen Relikten sticht das dreistöckige Ataban-Mausoleum aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. hervor, das als Grabmal eines punischen Prinzen erbaut und mit einer Pyramide gekrönt wurde.
Einen wahren Bauboom erlebte die Stadt ab der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. bis ins 3. Jahrhundert hinein. Unter Septimius Severus wurde Thugga eine wohlhabende römische Provinzstadt, auf deren Areal zeitweise über 20000 Menschen lebten. Viele Funde und Ruinen stammen aus dieser Zeit. Zahlreiche antike Bauten wurden mittlerweile freigelegt und erschlossen, darunter das von Tempeln gerahmte Forum, das Aquädukt, mit dem das Bad gespeist wurde, ein Theater sowie Villen und für unterschiedliche Zwecke genutzte Häuser.
Nationalpark Ichkeul
Der gut 100 Quadratkilometer grosse Nationalpark umfasst den Lac d’Ichkeul samt Zuflusssystem sowie das Massiv des 511 Meter hohen Djebel Ichkeul. Er ist eines der wichtigsten Feuchtgebiete Nordafrikas.
Die Region um den etwa 110 Quadratkilometer grossen fischreichen Ichkeul-See rund 25 Kilometer südwestlich von Bizerta wird von Bächen aus dem Mogod-Bergland gespeist und ist über den Oued Tindja mit der Lagune von Bizerta verbunden. Der See besteht sowohl aus Süss- als auch aus Salzwasser. In den extrem trockenen Sommermonaten steigt der Salzwassergehalt, bei starken Regenfällen nimmt der Süsswasseranteil zu. Die Seeregion ist Lebensraum zahlreicher Vogelarten und Ufergewächse.
In der fruchtbaren Sumpfoase wachsen u.a. verschiedene Binsenarten, Sumpf- und Schwertlilien, Schilfrohr und auch Seerosen. Tunesiens grösste Säugetiere, Wasserbüffel mit einem Gewicht von bis zu 1200 Kilogramm, sowie annähernd 200 Vogelarten, vorwiegend Wasservögel wie Enten und Blesshühner, haben im Schutzgebiet ihr Refugium. Im Winter ist es das Quartier Hunderttausender von Zugvögeln aus Europa. Nirgendwo sonst in Nordafrika gibt es so viele Graugänse. Das Areal beherbergt ausserdem noch einige Fossilienfundstätten von Hominiden, Primaten und ausgestorbenen Grosssäugern.
Medina von Sousse
Das antike Hadrumet war einst eine bedeutende phönizische Niederlassung, die im 7. Jahrhundert von den Arabern zerstört wurde. Unter der Dynastie der Aghlabiden (800–909) neu gegründet, erlebte die Hafenstadt einen raschen Aufstieg.
Die im 9. Jahrhundert entstandene Medina, die im Lauf der Zeit kaum verändert wurde und noch von der originalen Stadtmauer umgeben ist, zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen arabischer Baukunst. Die Grosse Moschee wurde kurz nach der Neugründung der Stadt durch die Aghlabiden im Stil einer Festung mit Mauern und Ecktürmen erbaut. Neben der Moschee, unweit des Eingangs der Medina, erhebt sich der Turm des Ribat.
Er war Teil einer um 800 entstandenen Befestigungsanlage an der Küste, die aus einer Reihe von Wehrklöstern – sogenannten Ribats – bestand. Hier lebten "Krieger-Mönche", die Angriffs- und Verteidigungskriege führten, gleichzeitig aber auch der Bevölkerung Schutz vor Überfällen boten. Ein weiteres herausragendes Monument aus der Aghlabidenära ist die um 840 errichtete Bou-Fatata-Moschee. Im Südwesten der Altstadt befindet sich die Kasbah, die heute das Archäologische Museum mit Exponaten aus punischer, römischer und frühchristlicher Zeit beherbergt. Ihr Turm Khalef el-Fatah dient noch heute als Leuchtturm.
Medina von Kairouan
Die rund 150 Kilometer südlich von Tunis gelegene Stadt wurde von dem Omaijaden-Sprössling Ukba ibn Nafi um 670 als ein Vorposten des arabischen Erobererheeres gegründet. Unter den Aghlabiden erlebte sie um 900 ihre Blütezeit.
Die Medina von Kairouan ist noch von der ursprünglichen Stadtmauer umgeben. Sie hatte sich rund um die Große Moschee entwickelt, die noch im Gründungsjahr von Kairouan begonnen worden war. Als bedeutendstes und ältestes islamisches Bauwerk Nordafrikas wurde die Moschee Vorbild für die gesamte maurische Sakralarchitektur der Folgezeit. Der Gebetssaal präsentiert sich als ein Wald aus Marmorsäulen. Der mit Intarsienarbeiten versehene Minbar, die Predigerkanzel, wurde 862 gefertigt und ist damit die älteste erhaltene islamische Kanzel überhaupt.
Die von den Aghlabiden bereits im 9. Jahrhundert angelegten Becken der Wasserreservoire wurden über ein Aquädukt versorgt. Neben der Großen Moschee hat Kairouan weitere herausragende Sakralbauten vorzuweisen: die Barbiermoschee (Zaouia Sidi Sahab), einen Mausoleums- und Medresenkomplex aus dem 17. Jahrhundert, die Moschee Sidi Abid el-Ghariani und die Moschee der drei Tore. Noch heute ist Kairouan eines der bedeutendsten religiösen Zentren des Islam in Nordafrika.
Kerkouane und Nekropole
Die einstige punische Stadt geht wohl auf das 6. Jahrhundert v.Chr. zurück. Im Ersten Punischen Krieg wurde sie von den Römern zerstört. An den gut erhaltenen Ruinen lässt sich die ursprüngliche Siedlungsstruktur ablesen.
Der Ort an der Spitze der Halbinsel Cap Bon ganz im Nordosten Tunesiens dürfte schon vor der Gründung Karthagos ein phönizischer Ankerplatz gewesen sein. Bedeutend ist die heutige archäologische Stätte deshalb, weil es sich dabei um die einzige noch erhaltene punische Stadt handelt. Die hufeisenförmig angelegte, rund zehn Hektar grosse Siedlung, deren ursprünglicher Name unbekannt ist, grenzte mit ihrem Ostteil ans Meer und war durch eine doppelte Mauer bestens geschützt.
Grundmauern und Fundamente der um einen Innenhof mit Brunnen errichteten Häuser und das alte Strassennetz wurden inzwischen freigelegt. Fast jedes Haus besass ein eigenes Bad und verfügte über ein hoch entwickeltes Abwassersystem. Architektonische Details belegen Einflüsse aus anderen Regionen und Kulturen der Mittelmeerregion und sprechen für eine weiträumige Handelstätigkeit der Bewohner von Kerkouane. In einer Purpurmanufaktur wurde der begehrte Farbstoff gewonnen, auf den die Punier das Monopol besassen. Zum Welterbe zählt auch die Nekropole Arg el-Ghazouani mit rund 200 Felsgräbern und Grabkammern.


